WOLF HAMM
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Iris Jungels im Gespräch mit Wolf Hamm

Gesprächsfragmente 2009 bis 2012 Iris Jungels

Text zur Ausstellung In der Kürze der Zeit / Beck & Eggeling, Düsseldorf 2012


Das folgende Interview stellt eine Zusammenfassung aus Gesprächen dar, die von 2009 bis 2012 zwischen Wolf Hamm und Iris Jungels stattgefunden haben. Anlass der Aufzeichnungen ist ein laufendes Dokumentarfilm- Projekt, das sich der Entstehung des Gemälde-Zyklus 'Die großen Prozesse' widmet.

I.J.: Fällt es Dir leicht, über Deine Kunst zu reden?

W.H.: Über Kunst zu reden, ist unheimlich schwer. Alles, was in Worten auszudrücken ist, ist für die Sprache. Kunst zu machen, ist eigentlich genau das Gegenteil davon, darüber zu reden, denn das Machen ist etwas Nonverbales. Kunst ist anscheinend das, was wir nicht wirklich begreifen, aber an dem wir uns immer wieder reiben können. Das ist es ja, was es immer wieder so spannend macht. Ich bin natürlich mit mir und den Bildern im Gespräch. Aber was ich in meinen Bildern versuche, ist etwas Unaussprechliches auf eine andere Art und Weise zu bannen. Das bedeutet nicht, dass der Betrachter vor dem Bild sprachlos sein soll – aber ich glaube, es gibt da eine andere Art der Kommunikation zwischen dem Betrachter und dem Bild.

I.J.: Wie erinnerst Du Dich an Deine Kindheit?

W.H.: Ich hatte zum größten Teil eine sehr schöne Kindheit – mit den Hochs und Tiefs, die jeder in seiner Kindheit hat. Ich habe auch heute noch ein gutes Verhältnis zu meinen Eltern und meinen drei Geschwistern. Auch in meiner Arbeit, wenn ich mich reflektiere, denke ich viel über die Kindheit nach. Das gehört mit dazu – die Reflexion fängt ja nicht mit dem Hier und Jetzt an, sondern damit, dass man das Vergangene mit einbezieht und versucht, über das Vergangene in die Zukunft zu blicken. Kindheit ist immer sehr intensiv – sie ist das Fundament, das uns mitgegeben wurde.

I.J.: Welche Rolle nimmt Deine eigene Familie in Deinem Leben und künstlerischen Schaffen ein?

W.H.: Die Familie gibt mir den Raum, in dem ich mich am liebsten bewege. Familie ist das, was mir ein zu Hause gibt, und natürlich fließt das in meine Bilder ein. Es existieren so viele Dinge, die auf die Familie zurück gehen: Zur gleichen Zeit sind wir Schwester, Mutter, Großmutter, Tochter, Vater und Sohn. Das alles bleibt in einem Gefüge. Ich denke, dass es grundsätzliche Beziehungsmuster gibt, die sich wiederholen. Und letztlich sind alle Personen, die in meinen Bildern auftauchen, auch immer Familie - metaphorisch natürlich. Es sind für mich die Eltern und Geschwister aller.

I.J.: Wie würdest Du Deine aktuelle künstlerische Motivation beschreiben?

W.H.: Was ich am Kunst machen wirklich faszinierend finde, ist die Möglichkeit, sich ein Stück weit an der Realität beteiligen zu können, sich immer wieder etwas bildhaft vorzustellen, also etwas begreifbar zu machen - in dem Sinne, dass man Farbe und einen Bildträger nimmt und etwas schafft, das dann wirklich auch begreifbar wird, dadurch, dass es zur Realität, zu einem Objekt geworden ist. Natürlich ist ein Bild immer nur ein Objektträger einer ausgedachten Utopie oder einer Wirklichkeit, aber hat man es dann wirklich bis zum Ende gebracht, ist da etwas. Und das ist dann auch nicht mehr weg zu reden. Man kann wegschauen, aber man wird das Ding nicht mehr los. Wirklichkeit ist doch immer das, was wir dazu erklären.

I.J.: Hinterglasmalerei, Acrylglas und Acryl-Lacke - welche Bedeutung oder Metaphorik haben denn diese Materialien für Dich?

W.H.: Die Wahl meiner Materialien ist über einen längeren Zeitraum entstanden. Ich habe lange Zeit sehr gerne in den klassischen Bereichen gearbeitet – zum Beispiel mit Ei-Tempera. In der Zeit, als ich in Finnland war, habe ich diese Technik unheimlich exzessiv angewandt. Ich bin letztlich bei der Hinterglasmalerei angekommen, weil ich auf der Suche nach einer sehr glatten Oberfläche war. Angefangen hat das mit kleinen Folien, die ich zunächst vorderseitig bemalt habe - und dann habe ich die Rückseite für mich entdeckt. Dieses Arbeiten kommt mir sehr entgegen, denn es ist ja ein umgekehrtes Arbeiten, das es mir ermöglicht, anders zu reflektieren – also das Gemalte nochmals spiegelverkehrt zu überprüfen - im Gegensatz zur Leinwand, bei der man ja immer wieder eine Schicht über die andere legt. Bei der Hinterglasmalerei arbeitet man sich vom Vordergrund zum Hintergrund und vollzieht sozusagen den umgekehrten Prozess. Die Hauptakteure, die Szene selbst interessiert mich - das, was auf der Bühne, also auf dem Bild, geschehen soll. Der Hintergrund spielt natürlich auch eine wichtige Rolle, tritt aber erst einmal im wahrsten Sinne des Wortes in den Hintergrund zurück. Ich habe früher oft an Leinwänden gearbeitet, bei denen ich immer wieder neu drüber gegangen bin und kein Ende gefunden habe. Es gibt da einen Punkt, an dem das gemalte Bild einfach nicht mehr besser wird. Die Hinterglasmalerei zwingt mich auf den Punkt zu kommen und das Gemalte ernst zu nehmen. Es gibt nicht so viele Möglichkeiten, das dann wieder zu revidieren.

Momentan arbeite ich mit Acrylglas, weil das Material für mich ein Zeitzeuge ist. Ich denke, dass das Material auch immer ein Träger dessen ist, was Gegenwart ausmacht. Man findet es überall. Die meisten Dinge sind aus Kunststoff, auf Hochglanz poliert und überglatt. Es symbolisiert für mich eine Unnahbarkeit, mit der sich die heutige Zeit zu schmücken versucht: Es steckt also auch eine gewisse Ironie in der Wahl meiner Materialien in Bezug auf die heutige Zeit. Auf der anderen Seite wirkt das Glas wie ein extrem intensiver Abschlussfirnis. Über diesen letzten Firnis haben sich ja die Maler über die Jahrhunderte gestritten. Er lässt diese unglaubliche Tiefenwirkung entstehen. Man muss erst durch das Glas hindurch in das Bild hinein schauen. Es ist die Art und Weise, wie das Glas die Farbe annimmt: Sie erhält ihren Glanz, flüssige Prozesse werden eingefroren und die Pinselstriche heben sich klar ab.

I.J.: Würdest Du von Dir selbst sagen, dass Du als Künstler eine Botschaft hast?

W.H.: Eine Botschaft gibt es immer. Jeder von uns hat eine Botschaft. Selbst der Unpolitische ist nicht unpolitisch, denn auch das ist eine Aussage. Meine Bilder haben eine Botschaft, und ich bin manchmal selbst erstaunt darüber, was sie mir erzählen. Vielleicht ist es für den Betrachter manchmal nicht nachvollziehbar, dass der Künstler dem eigenen Bild hinterher hängt: Doch mir geht es selbst oft so, dass ich versuche, mit den Bildern in Kontakt zu treten und von ihnen zu lernen.

I.J.: Die Themen Deiner Bilder sind oft schwer, teils düster, nachdenklich oder zumindest ernst. Was ist Deine Intention bezüglich dieser Schwere?

W.H.: Das verstehe ich oft gar nicht – die Schwere meiner Bilder, die mir nachgesagt wird oder diese dunkle Seite... Ich empfinde das eigentlich gar nicht so. Ich empfinde meine Kunst eher dem Leben sehr nahe. Ich arbeite auch nicht willentlich surreal – das Verfremden dient eher dem Versuch einer Realitätsbeschreibung. Das Leben besteht doch aus sehr dunklen und sehr lichten Momenten. Und ich versuche in meiner Arbeit, diese Waage zu halten.

I.J.: Welchen Stellenwert hat die Vergänglichkeit und der Tod in Deiner Kunst und in Deinem Leben?

W.H.: Der Tod spielt in meiner Kunst und in meinem Leben eine große Rolle – mindestens eine so große Rolle, wie das Leben selbst - wahrscheinlich sind es sogar meine Hauptthemen. Ich mache mir sehr viele Gedanken darüber, wie es kommt, dass wir da sind und wohin wir gehen. Die vorchristlichen Finnen standen mit Ihren Ahnen im Kontakt und hatten ein wesentlich natürlicheres Verhältnis zum Tod. In ihrem Epos, dem Kalevala, beschreiben sie zum Beispiel, dass es eine wesentlich bedrohlicheres Szenario gibt als den Tod. Sie berichten von ihrer Angst vor einem Ungeheuer, das sich Vipunen nennt.

Vipunen ist nicht der Tod, sondern er ist der Abgrund, in den man fallen kann, der den Raum von der Zeit trennt. Jeder macht ja eigene Erfahrungen mit diesem Thema, und die Sichtweise verändert sich natürlich auch über die Jahre. Der Tod wandert mit – er ist ein ständiger Begleiter und Bestandteil des Lebens. Er sitzt uns doch immer auf der Schulter – es könnte ja jederzeit so weit sein. Ich sehe im Tod eigentlich nichts Negatives sondern begreife ihn eher als einen Fakt. Wir freuen uns alle, dass Kinder geboren werden aber wollen nicht darüber reden, dass wir auch sterben müssen. Das macht mich manchmal schon nachdenklich.

I.J.: Sind deine Bilder allgemein gültige Metaphern oder persönliche Geschichten? Wie entwickelst Du Deine Motive? Ist Deine Herangehensweise eher rational oder intuitiv, unterbewusst und emotional?

W.H.: Als aller erstes zeichne ich unheimlich viel. Und das Zeichnen ist eine Welt für sich, in der sich dies alles klärt. Am schönsten ist es, wenn ich mir selbst beim Zeichnen zusehen kann und es einfach läuft. Zeichnen ist für mich wie Nachdenken – nur auf einer anderen Ebene – und dient dann manchmal als Annäherung an die Malerei. Situationen und Zeichnungen collagieren sich beinahe wie von selbst – schon bei der Entstehung in meinen Skizzen. Die einzelnen Fragmente sind intuitiv gesetzt, und so entwickelt sich dann das Motiv. Ich will gar nicht so viel bewusst beeinflussen. Je konkreter meine Vorstellungen sind, desto schwerer fällt mir die Umsetzung meiner Bilder. Das nur Gewollte funktioniert bei mir nicht. Ich zeichne am liebsten wenn ich auf Reisen bin und Eindrücke einfangen kann. Das ist dann beinahe so wie fischen gehen: Anstatt der Angel halte ich den Stift und hoffe, dass etwas anbeißt. Vieles kommt natürlich auch aus meinen inneren Bildern und Erinnerungen. Das formt sich dann zusammen – es ist also nie nur das eine oder das andere, sondern es geht Hand in Hand. Aber Zeichnungen sind immer der Anfang – ohne Zeichnungen würde es keine Bilder geben. Ich komme von der Zeichnung und münde in die Farbe.

I.J.: Arbeitest Du in Deinen Bildern persönliche Erlebnisse auf, oder reflektierst Du Weltgeschehen?

W.H.: Es ist ein Prozess, durch den ich gehe: Es ist ein Nachdenken, ein Unterhalten mit Freunden und Fremden über das Zeitgeschehen, Nachdenken über mich selbst. Viele Inhalte beziehen sich auf die Familie, die ich als kleinsten Kern der Gesellschaft sehe, in der sich auch widerspiegelt, wie wir im Großen miteinander umgehen. Max Beckmann begreift „den Menschen im Verhältnis zu seiner Welt, die nicht allein das Dasein, sondern das ganze Sein umfasst.“1 Das beschreibt mit Worten am besten, warum ich Kunst mache, oder was ich da eigentlich versuche.

I.J.: Wie nimmst Du den heutigen Zeitgeist war – in Bezug auf Kultur und Kultur-Konsum?

W.H.: Zeitgeist ist erst einmal ein sehr schönes Wort – ich habe deshalb auch schon ein Bild mit diesem Titel benannt. Es ist eigentlich eine merkwürdige Angelegenheit, weil sich der Zeitgeist jeden Tag neu erschafft. Es ist zwar so, dass er am morgen ähnlich aufwacht, wie am vorigen Tag, aber natürlich ändert er sich, wie wir auch, über die Jahre. Der heutige Zeitgeist ist einer, der sich nicht wirklich traut, in den Spiegel zu gucken – vielleicht auch verwirrt ist, wenn gleich auch sehr aufgeklärt.

I.J.: Wie beurteilst Du selbst die Relevanz Deiner Bilder im aktuellen Kunstgeschehen?

W.H.: Die Bilder nehmen Ihren Platz ein, und für mich werden meine Bilder immer bleiben, was sie sind: Sie sind Positionen, denen man Gehör schenken kann. Ich hoffe, meine Bilder geben etwas dazu, was diese Zeit beschreibt, was hilft, diese Zeit zu reflektieren und uns selbst besser zu verstehen.

I.J.: Wie bewertest Du die Rolle der Kunst in der Gesellschaft in Bezug auf Luxus, Käuflichkeit und Aufklärung? Eigentlich ist Kunst ja ein Erkenntnisprozess, der aber heute als Ware gehandelt wird...

W.H.: Beides existiert nebeneinander. Sie ist Ware und wird so gehandelt, aber sie transportiert auch immer etwas mit sich. Es ist wichtig, dass der Kunst Raum gegeben wird und dass sie gesehen werden kann. Darum ist das Museale auch eine sehr gute Lösung für das, was man mit Kunst machen kann.

I.J.: Du arbeitest schon seit 2008 an dem Zyklus 'Die großen Prozesse', der einige Werke umfassen wird. Viele Themen, die wir hier besprechen, fließen ja in diese Arbeit mit ein. Wie genau würdest Du das Konzept beschreiben? Du legst ja in den einzelnen Bildern verschiedene Themen-Ebenen übereinander...

W.H.: Die Idee, die hinter diesem Zyklus von acht großen Platten steckt, ist so etwas wie einen Verlauf dazustellen, um einen längeren Zusammenhang irgendwie begreiflich zu machen – nicht nur für den Betrachter, sondern auch für mich selbst. Es ist sozusagen so etwas wie eine Selbstreflexion, von der aus ich mir versuche, größere Prozesse klar zu machen. Ich versuche in diesem Zyklus, das Große mit dem Kleinen zu vergleichen – also den Menschen mit der Menschheit in Beziehung zu setzen. Es ist ein Versuch, die Arbeiten so aneinander zu reihen, dass jedes Bild für sich allein steht aber die Übergänge aneinander gefügt werden können - so dass am Ende eine Art Breitband-Panorama entsteht, das einen evolutionären Hergang aufzeigen soll. Hierbei wechseln dann innerhalb der acht Platten die Jahreszeiten von Frühling bis in den Winter, wobei jede Jahreszeit zwei Platten bekommt. Zeitgleich ändert sich auch der Stand der Sonne. Es geht also von morgens über mittags, nachmittags bis in die tiefe Nacht hinein. Am Anfang der Frühling - das noch Unschuldige, das Bild ist noch menschenleer. Später dann die Vertreibung aus dem Paradies durch den Einfluss der Erkenntnis. Im Herbst das Anwachsen von Menschensiedlungen und technischen Errungenschaften. All dies spinnt sich mit dem Winter und die Tiefe der Nacht zum Ende und findet im Frühling seinen Anschluss. Die ganze Arbeit wird 24 Meter lang, was auf eine raumfüllende Installation hinauslaufen wird. Bei diesem Resümee werden sich die Bildmotive ebenso verschlüsselt wie schon in den vorhandenen Bildern darstellen. Das wir bis heute gekommen sind – das ist für mich hierbei immer wieder völlig faszinierend!

I.J.: Welche Bedeutung hat Religion für Dein Leben und Deine Kunst?

W.H.: Religion ist für meine Arbeit wichtig, weil sie gesellschaftliche Relevanz hat. Ich gehe auf die religiösen und biblischen Themen deswegen ein, weil ich so erzogen worden bin. Das ist das, was ich mitbekommen habe und was ich weitererzählen kann – also von der Geschichte aus meinem Kulturkreis, die sich für mich immer dadurch klar definiert, weil sie verstanden wird. Natürlich ziehe ich auch andere Geschichten hinzu – alleine schon deswegen, weil meine Mutter aus Finnland kommt, z.B. den Kalevala, den Mythos der alten Finnen, mit seiner eigenen Definition von Gut und Böse. Ich denke Religion ist wichtig. Womit ich allerdings Schwierigkeiten habe, sind Institutionen wie zum Beispiel die Kirche. Aber den Glauben sollten wir uns nicht ab-erziehen lassen.

I.J.: Warum?

W.H.: Ich bin der Überzeugung, dass man einen Glauben hat. Und wenn man nicht weiß, dass man einen hat, ist das manchmal sehr traurig. Wenn man einen hat, ist das zwar auch nicht immer von Nutzen. Aber ich glaube nicht, dass wir keinen Glauben haben können - ich glaube, dass das Leben gar nicht ohne Glauben auskommt. Glaube ist auch Lebenswille.

I.J.: Welche Rolle hat die Kunst Deiner Meinung nach in der heutigen Gesellschaft?

W.H.: Mir missfällt es manchmal, die Kunst zu hoch zu loben. Ich finde Beuys hat das ganz gut auf den Punkt gebracht, und eigentlich müssten wir es seitdem besser wissen – tun wir aber nicht. Der Künstler hat die Chance, sich über den Prozess, in dem wir Menschen uns befinden, den ganzen Tag Gedanken zu machen. Das ist eine luxuriöse Aufgabe. Aber ich glaube, dass letztlich jeder über diese Prozesse nachdenkt – mit unterschiedlicher Intensität und mit verschiedenen Einsichten. Wo fängt Philosophie an, und wo hört Kunst auf? Wann ist Kochen Kunst? Kunst hat für mich keine gesonderte Stellung, hoch oben in einem Elfenbeinturm. Beuys Aussage war, dass die Kunst zum Menschen gehört und der Mensch zur Kunst, und dass der Umstand, dass wir alle da sind, ein riesiges Kunstwerk ist, worin wir aufgehen und uns selbst nicht so wichtig nehmen sollten. 

I.J.: Wie gehst Du denn vor diesem Hintergrund mit Deiner eigenen zunehmenden Bekanntheit um?

W.H.: Kunst und Erfolg – das sind ambivalente Themen. Es ist nicht leicht, erfolglos zu sein – und es ist genauso schwierig, Erfolg zu haben. Aber das definiert man ja letztlich auch für sich selbst: Wann ist man erfolgreich? Wann hat man Erfolg? Und wie notwendig ist er für die Arbeit? Ich bin unheimlich froh, dass meine drei Kinder, meine Frau und ich so leben können, wie wir es tun. Erfolg ist schön, weil er Möglichkeiten eröffnet, mehr und intensiver an Themen arbeiten zu können. Aber es ist manchmal auch schwierig in der Arbeit, weil man anfängt, sich selbst unter Druck zu setzen. Man muss dann wieder zu dem Punkt kommen, dass man es für sich tut. Wenn ich Kunst nur wegen des Erfolges machen würde, wäre ich kein Künstler.

I.J.: Wie findest Du zu Deinen inhaltlichen Positionen?

W.H.: Bei mir entsteht eine Haltung nicht immer nur durch Hoffnung – sondern sie entsteht manchmal sogar eher durch eine Hoffnungslosigkeit und durch die Notwendigkeit, Lebensumstände zu ändern, um ein wirkliches Voran im eigenen Schaffen zu bewirken. Ich gehe jeden Morgen in mein Atelier, um der Wahrheit wahrhaftig ins Auge und nicht nur auf den Mund zu sehen. Mein größter Wunsch ist es, beim Betrachter so etwas wie ein Kopfkino in Gang zu setzen, das ihn mit seinen eigenen vergangenen Bildern konfrontiert und ihn mit sich selbst auseinander setzten lässt. Da sind Erinnerungsmuster, die mir auffallen – so wie beispielsweise Mütter ihre Kinder tragen oder wie die Großmutter dem Enkel das Gesicht streichelt. Das sind Erinnerungen, die ich für mich gebannt habe. Aber wenn ich sie wieder hervor bringe und so durch meine Bilder in Anderen wieder wachrufen kann, freut mich das. Ich glaube darum tragen wir auch Fotos mit uns herum. Die Erinnerung ist der Motor, um die Zukunft zu gestalten. Das Wort Metapher kommt aus dem Griechischem und bedeutet hinüber tragen, befördern und wenn ich ein gutes Bild gemalt habe, habe ich das Gefühl, dass ich etwas hinüber tragen konnte.

I.J.: Würdest Du Deine Kunst eigentlich eher als poetisch oder politisch beschreiben?

W.H.: Politisch? Poetisch? Ich weiß gar nicht, ob man das so trennen kann. Ich würde mir eine poetischere Politik wünschen. Letztlich ist doch alles politisch. Bin ich ein Poet, oder bin ich ein Politiker?! Ich glaube, ich bin keins von beiden oder beides.

I.J.: ...oder ein Philosoph?

W.H.: Die Frage ist, ob man das immer alles so getrennt wahrnehmen muss. Ich versuche, das Leben von allen Seiten zu sehen. Ich versuche es rund zu machen. Ob mir das so gut gelingt, weiß ich natürlich nicht. Aber mir geht es eigentlich darum, die Verbindungen herzustellen. Ich begreife mich als Vermittler.

I.J.: ...zwischen den Disziplinen sozusagen...

W.H.: Genau! Und dass es jetzt gerade die Kunst ist oder das Bild an sich, das mir die Möglichkeit gibt, über das Leben zu berichten, ergibt sich daraus, dass ich es schon immer so gemacht habe. Ich denke in Bildern. Wenn ich mir Sachen merke, dann sehe ich das Bild.

I.J.: Wie ist Dein Blick auf die aktuellen ökonomischen und ökologischen Krisen, mit denen wir global konfrontiert sind?

W.H.: Ich glaube, wir müssen uns entscheiden, ob wir nur das System am Leben erhalten wollen oder ob wir wirklich leben wollen! Die Frage nach dem Haben und Sein hat Fromm schon vor einiger Zeit zu Recht gestellt.3 Ich weiß nicht, ob wir uns momentan so bewusst darüber sind, dass wir im Habe-Modus leben und nicht im Seins-Modus. Fromm hat befürchtet, dass das eintritt, und ich würde sagen, es ist eingetreten: Das Kind ist in den Brunnen gefallen. Wir sind mitten drin in einem dominanten Kapitalismus, der uns zu Sachen treibt, die wir eigentlich nicht wollen – die uns nicht wirklich gut tun. Wenn wir wirklich bewusst wären, würden wir diesen übertriebenen Konsum – dieses Suchtverhalten erst gar nicht so an den Tag legen. Wir sind süchtig geworden. Wir sind süchtig nach dem Konsum.

I.J.: Glaubst Du denn, dass der Mensch in der Lage ist, Maß zu halten? In Bezug auf den Kapitalismus: Glaubst Du, dass der Kapitalismus eine Konsequenz des Menschseins ist, oder glaubst Du, dass er eine Geißel ist – wie eine Krankheit oder eine falsche Heilslehre?

W.H.: Wenn man von Krankheit, Genesung und Gesundheit spricht, dann würde ich schon sagen, dass unsere Gesellschaft an einigen Dingen krankt. Wir haben ja schon einige '- ismen' durchgemacht – den Sozialismus, Faschismus... und nun eben den Kapitalismus. Bei einer Studie, die in China durchgeführt wurde in Bezug auf kapitalistisch orientierte Systeme, kam heraus, dass sich das persönliche Wohlbefinden durch zunehmenden Reichtum ab einer bestimmten Einkommensgrenze nicht steigerte, sondern sogar eher rückläufig war.  Es ist schon interessant zu sehen, dass mehr Besitz nicht zwingend zu einem glücklicheren Leben führt. Momentan ist ja die Depression als Volkskrankheit auf dem Vormarsch: 121 Millionen Menschen leiden derzeit unter dieser Krankheit - und erstaunlicherweise vermehrt in den führenden Wirtschaftsnationen.

In diesem Zusammenhang macht es Sinn sich zu fragen, woher diese Sucht nach dem Konsumieren in uns stammt und warum es uns anscheinend so unglücklich macht. Das ist ja eine Art der Kompensation, die wir da betreiben. Ich denke oft darüber nach, aus welcher Zeit wir kommen und zu was wir uns da entwickeln oder was wir da versuchen zu verdrängen: Der letzte Weltkrieg, mit all seinem furchtbaren Schrecken, ist ja gerade einmal 67 Jahr her. Das entspricht in etwa dem Durchschnittsalter eines Mitteleuropäers. Hierzu gibt es in der Psychologie Erkenntnisse darüber, dass wir durch Spiegelneuronen auch Traumata transgenerational, also über Generationen hinweg, übertragen. Das geht soweit, dass sich sogar noch die Enkel der Kriegsgeneration in therapeutischen Behandlungen Problemen gegenüber sehen, die eigentlich nicht die eigenen sind. Wir sind immer auch das, was unsere Väter und Großväter durchgemacht und erlebt haben. Das alles steckt also noch tief in uns und folgt aufeinander und ist in sich verwoben. Erst in den letzten 20 bis 30 Jahren haben wir durch die Flut an Informationen begriffen, welche Auswirkungen unser Handeln auf den Planeten hat. Diese Erkenntnis hat dazu geführt, dass wir als Mensch ein sehr schlechtes Selbstwertgefühl entwickelt haben. Wir sind lethargisch geworden angesichts der, in unseren Augen, kaum noch zu bewältigenden Probleme. Doch wir sind zu Großem imstande! Nur unsere Selbsteinschätzung funktioniert nicht so gut – und daran sollten wir arbeiten. Aber ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass die ganze Gesellschaft oder gar die ganze Menschheit krank ist oder schlecht. Das würde ich sogar ganz stark verneinen. 

I.J.: Was ist denn für Dich Lebensqualität?

W.H.: Lebensqualität hat für mich auf alle Fälle damit zu tun, ein bewussteres Leben zu führen. Ich glaube, dass das Bewusstsein für ganzheitliches Denken und Handeln deswegen in uns wächst, weil wir auf die komplexen Zusammenhänge blicken und ahnen, dass wir auf diesem Wege so nicht weiterkommen. Diese Geringschätzung der Güter, die massenhaft produziert werden – das ist, glaube ich, das Krankhafteste, was wir uns durch den Kapitalismus selbst antun. Wir reduzieren die Welt auf Waren und nennen und selbst Verbraucher, deren Wert sich an seiner Kauflust misst. Ich glaube wenn wir von einem zum nächsten gehen und die ganze Zeit nur das Konsumieren und nicht das Leben selber spüren, dann wird uns ein bewusstes Dasein nicht gelingen.

I.J.: Also eigentlich ist es die Frage nach Quantität oder Qualität...

W.H.: Die Strukturen sind außer Rand und Band geraten – so sehr, dass sich die meisten Menschen nicht mehr wohl fühlen. Einige haben sehr viel Geld und andere haben keins –  das ist doch kein Zustand!

I.J.: Was ist Deine Prognose für die kommenden globalen Entwicklungen?

W.H.: Das ist schwer zu sagen. Ich denke, dass wir alle große Prozesse darstellen und Teil eines übergeordneten Prozesses sind. Es ist gut, wenn wir kritisch denken. Aber wir sollten nicht zu selbstkritisch werden, in dem Sinne, dass wir drohen, in eine kollektive Depression zu verfallen, weil es überhaupt nicht an der Zeit ist. Eigentlich ist Tatendrang gefragt. Wir werden uns weiter entwickeln – mehr oder weniger gut. Aber das Leben an sich ist gut – davon müssen wir ausgehen.

I.J.: Warum?

W.H.: Weil wir nur das eine Leben haben. Und weil dieses Leben das einzige ist, was uns ausmacht.







Wolf Hamm – In der Kürze der Zeit“,  Beck & Eggeling ( Hrsg.), Beck & Eggeling Kunstverlag 2012 ( Text Iris Jungels )